Gothic Friday – Januar – Einstieg in die Szene

Für das Jahr 2011 startet Robert von spontis.de sein erstes eigenes Projekt, dass auf den Namen Gothic Friday hört. Friday weil die Themenvorgabe immer am ersten Freitag des Monats stattfindet und der Einsendeschluss auf  zwei Wochen später, also wieder an einem Freitag, festgesetzt wurde. Im Rahmen dieses Projekts möchte Spontis eine Art Querschnitt der Szene über ihre Ansichten und ihre Erfahrungen erhalten, und was eignet sich da besser als die Leute einfach selbst zu Wort kommen zu lassen. Mitmachen kann jeder, ja man muss nicht einmal zur Szene gehören oder einen Blog haben um mitzumachen! Mitteilungsfreudige ohne Blog finden auf Spontis Seite zum Gothic Friday die Auswahl zwischen vier Blogs die sich netterweise als Gastgeber zur Verfügung stellen.

Das erste Thema befasst sich sinnigerweise mit dem Einstieg in die Szene, eine Zeit die sicher jeder Grufti gut in Erinnerung hat…

Grufti-Propädeutikum

…mehr oder weniger, denn zumindest mir fällt es schwer mich zu erinnern, wie ich eigentlich auf das Thema kam, aber ich weiss, dass es ca. im Mitte 2003 mittels einer Suchmaschine passierte. Ich hatte irgendwo das Wörtchen Gothic gelesen, wohl auch schon einen Grufti von Weitem gesehen und wollte mehr darüber erfahren. Die Suche nach etwas Tiefgründigerem, etwas das irgendwie Halt bietet, kam nicht von ungefähr, ging doch damals in meinem Leben so ziemlich alles bergab. Da war einmal die Tatsache, dass meine dysfunktionale Familie endlich auseinander brach, denn meine Eltern liessen sich scheiden und somit die Probleme richtig anfingen. Dann kam dazu noch der Stress es eventuell nicht ans Gymnasium zu schaffen, das ständige Aussenseitertum an der Schule und von der Pubertät mit mittelschwerer Akne gesegnet zu sein half auch nicht, gerade sowas wie ein Selbstbewusstsein aufzubauen…

In der Suchmaschine fand ich jedenfalls damals schon allerhand, und in einem Artikel fiel mir ein Bandname ins Auge „The Cure“. Ich fand den Namen arg interessant, wer weiss, was dass alles kurieren konnte. Welches Lied nun das erste war, weiss ich leider nicht mehr,  aber dass mir die Musik das Gefühl gab verstanden zu sein, ja auch eine gewisse Geborgenheit vermittelte, das werde ich nicht vergessen. Dank des lieben Netzes stiess ich natürlich nach und nach auch auf andere Bands, wie beispielsweie Christian Death. Da weiss ich noch genau wie ich ungeduldig wartete bis die Dateien von „Only Theatre of Pain“ endlich auf meinen Laptop waren ( ja,  schon gut, ich stell mich gleich in ne Ecke und schäm mich…), nur um dann auf meinem Bett los zu flennen, weil mich die Musik so berührte. Wie ich das so schreibe, fällt mir auf wie klischeemässig das alles klingt, aber so war das halt. Ehrlich gesagt wäre es mir auch lieber ich hätte keine Gründe zum Heulen gehabt. Gleichzeitig zu den musikalischen Kehrtwendung wuchs mein Interesse an Literatur und insbesondere am Tanz, aber so gruftig ist das eigentlich nicht. Da wäre einzig mein Interesse an Bildern von toten Vögel zu nennen, das etwa zur gleichen Zeit entstand. Faszinierend fand ich natürlich auch wie die Leute aussahen, denn ich hatte schon seit ich klein bin durch die Bibliothek meiner Mutter, in der neben Kunstbüchern auch stapelweise Modemagazine zu finden waren, ein Faible für Leute mit ausgefallenem Modegeschmack entwickelt. Ich will gar nicht wissen wieviele Stunden ich meines Lebens ich damit verbrachte jegliche WGT-Gallerien durchzustöbern…

Kleidungstechnisch wurde mein Kleiderschrank sukzessive schwarzer, und im Jahr 2005 durfte ich dann auch endlich ein paar Doc Martens in meiner Garderobe begrüssen, an die aber nur noch meine vernarbten Fersen erinnern. So ein Mist kommt mir nie mehr an die Füsse! Die Schuhe wurden übrigens von meiner Mutter teilweise mitfinanziert, und auch sonst war es meiner Mutter eher egal was ich für Musik hörte. Nur einmal als sie eine Zeile eines Liedes von Christian Death mitbekam, wurde ich vorsichtig gefragt, ob ich denn nun zu den Satanisten übergelaufen war. Ein knappes „Nein“ meinerseits und damit war die Sache auch gegessen. Mir lag es mit den schwarzen Klamotten und meiner Musik niemals daran zu provozieren, das war höchstens ein Nebeneffekt, der  auch recht selten auftrat. Meine Klamotten waren zwar schwarz aber ansonsten normal. Zugegeben ganz am Anfang gab es damals so einen totalen Modeunfall mit Stachelhalsband, an den ich mit Schaudern zurück denke. Meine Haare waren 2004/2005 noch kurz, denn meine Mutter fand zum Eintritt ins Gymnasium könnte ich mir doch einen feschen Kurzhaarschnitt zulegen. Sah auch ganz gut aus, nur sind meine Haare von Natur aus wellig und wenn sie feucht werden kringeln sie sich auch ganz schnell. Sah sicher toll aus Stachelhalsband mit einzeln seitlich abstehender Korkenzieherlocke. Und die Haare waren auch noch braun damals…Nein, hören wir auf damit. Nein, Fotos gibt es auch nicht, nicht das ich nicht welche hätte, aber ich stell meine Fratze nicht so gerne einfach ins Netz.

Eine schöne Erinnerung aus den Anfangstagen meiner gymnasialen Karriere ist der Kauf von Seventeen Seconds  während eines Lagers in Fiesch. Wir hatten eine Stunde Zeit, uns die Stadt Brig anzuschauen bevor wir wieder zurück mussten, und ich und meine Schwester stiessen in einer Seitengasse auf einen sehr netten Plattenladen. Und was strahlte mich da aus dem Regal an! Es war ja nicht ganz unmöglich an die CD zu kommen, aber da ich damals noch zu Hause wohnte und keine Sachen übers Internet bestellen durfte war es für mich recht schwer an Musik heranzukommen. Im Nachhinein bin ich ganz froh darüber, denn es ist doch etwas ganz was anderes eine CD oder Platte in einem Laden zu entdecken als sie im Internet-Shop per Mausklick in den Warenkorb zu befördern. Die Melodie von „M“ begleitete mich dann, ganz altmodisch im Discman, auf der Fahrt nach Hause.

Einer meiner grössten Hoffnungen war übrigens, dass am Gymnasium sich ebenfalls irgendein Grufti befinden würde und ich endlich mal jemanden hätte zum weggehen. Ausser einem Punk, der nur ein Jahr da war, gab es leider niemanden und so träumte ich weiter davon, nach Bern in die Grauzone zu gehen. Natürlich hätte ich auch alleine hingehen können, aber dafür wäre ich noch heute zu scheu. So verbrachte ich also die Jahre klischeemässig in Einsamkeit, zumindest in Hinblick auf die Szene. Ich hatte schon Freunde, wenn auch nur ein paar wenige.

So stellt sich den die Frage, ob man das als Einstieg werten kann oder nicht. Ist der Einstieg erst vollzogen wenn man mit anderen Grufties in Kontakt steht?

Grundstudium

Im Herbst 2007 gings es dann an die Uni und hätte ich nicht Anfang 2008 über jemand anderen diese Studentin, die sich immer schwarz anzog, kennen gelernt, dann wäre ich noch heute alleine. Wir waren uns zwar gegenseitig schon aufgefallen, aber wie so oft war  es schwer den Moment zu finden, jemanden anzusprechen. Nun, wir freundeten uns also an und so ab Anfang 2009 waren wir eigentlich beide regelmässig zusammen unterwegs. Zwar kam diese Freundin eher aus der Metalszene,  es war aber ein leichtes sind auch an andere Orte mitzuschleppen. Zum Beispiel an die Grauzone. Ein kleiner Jugendtraum ging da vorletztes Jahr in Erfüllung, denn es war wirklich schön mal ausserhalb der eigenen vier Wände zu The Cure tanzen zu können. Seltsam war es allerdings auch, denn an Gruftiparties steche ich nicht wie sonst durch die schwarzen Klamotten aus der Menge raus, nein es ist teilweise die perfekte Mimese. Schwarzangezogene Leute vor schwarzem Hintergrund. Das kann ganz schön nervig sein wenn man jemanden sucht wie dieses Silvester in Zürich.

Mein Aussehen veränderte sich mit dem Eintritt an die Uni erneut, als erstes wäre da, dass ich nach dem ersten Jahr langsam davon abkam jeden Tag roten Lippenstift zu tragen. Es war einfach zu unpraktisch und ich brauchte meinen heissgeliebten Automatenkaffee halt. Der Stil wurde insgesamt dezenter, femininer, was sicher auch damit zusammenhing, dass ich 2008 mit Ballett anfing und mir Eleganz wichtiger wurde, als irgendwie gefährlich auszusehen. Die Haare, die ich mir seit Mitte des Gymnasiums schwarz färbte, wurden immer wie länger und ich musste zwangsweise auf Hochsteckfrisuren ausweichen, wollte ich nicht ständig an anderen Leuten hängen bleiben. Mittlerweile sind die Haare oberschenkellang und es gibt auch (seltene) Tage, an denen ich mehr Farben als Nichtfarben an habe.

Was allerdings noch nicht passiert ist, dass ich Leute kennen gelernt hätte. Wenn man selbst in einer Gruppe unterwegs ist, wird es da etwas schwieriger und ich bin immer noch schüchtern, obwohl mir kein Mensch in meinem Umfeld das abkauft. Naja, das Jahr hat gerade erst angefangen, mal sehen, was noch alles kommt. Zwar weilt die Freundin gerade für drei Monate auf Costa Rica, aber notfalls schleife ich einfach meine Schwester als Begleitung mit. Die ist zwar kein Grufti, tanzt aber ganz gerne zu solcher Musik.

Man könnte jetzt also meinen, ich sei angekommen in der Szene, aber dem ist nicht so. Wie schon erwähnt, ich war immer irgendwie der Aussenseiter und mit der Zeit gewöhnte ich mich so daran, dass ich mich auch unter Gruftis immer noch so fühle und ja manchmal habe ich gar das Bedürfnis mit Jeans und roten Pullover dort aufzukreuzen. Sobald ich mich in eine Schublade einordne, habe ich  das Gefühl etwas sein zu müssen, was ich nicht bin. Eingeschränktsein liegt mir nicht und so bin ich einfach ich, und überlasse das Kategorisieren den Menschen um mich herum. Übrigens halten die mich alle für ein Gruftie …und nein, ich beisse niemanden den Kopf ab, wenn er mich so nennt. Zu klischeehaft…

Werbeanzeigen

6 Antworten to “Gothic Friday – Januar – Einstieg in die Szene”

  1. Wie schön, dass noch jemand den Gedanken hatte, dass „The Cure“ – ob zufällig oder nicht – ein Name ist, der die Musik zusammenfasst. Für mich war/ist „The Cure“ immer heilsam. Ich finde nicht, dass man den „Einstieg“ am Kontakt mit anderen Leuten festmachen kann. Eher am Kontakt mit der Musik und mit einem gewissen Lebensgefühl und der Liebe zum dunklen Ambiente. Euer Schulsystem ist aber seltsam. 2005 aufs Gymnasium und 2007 auf die Uni?

  2. Also das Schulsystem variert von Kanton zu Kanton, und manchmal auch zwischen den Gemeinden…Schweizer nennen sowas Kantönligeist 😉
    Das Gymnasium ging bei mir vier Jahre, das erste Jahr verbrachte ich aber noch an meiner alten Schule, zwecks Entlastung der Gymnasien. Die restlichen drei Jahre absolvierte ich dann wirklich am Gymnasium. Also dauerte die gesamte Ausbildung Herbst 2003 – Sommer 2007.

    Die normale Volkschule dauert 9 Jahre, danach folgt entweder eine dreihährige Lehre (ich glaube ihr nennt sowas Ausbildung?) oder das Gymnnasium, welches die 9-12 Klasse umfasst.

    Ja, ich war auch erstaunt, dass der Bandname die Wirkung so gut beschrieb ^^

    LG

  3. Interessant. Das wusste ich auch noch nicht. Bei uns gibt es eine vierjährige Grundschule und danach gibt es die weiterführenden Schulen – also Gymnasium, Realschule oder Hauptschule. Mittlerweile gibt es auch Gesamtschulen mit allen drei Zweigen. Unser Gymnasium dauert 8 Jahre – früher waren es 9. Deswegen kam ich beim Erraten deines ungefähren Alters nicht ganz klar. 😉 Nach „unserer“ Rechnung wärst du beim Eintritt ins Gymnasium etwa 10-11 Jahre alt gewesen.

  4. Irgendwie seltsam, dass sich viele um Selbstbewusstsein aufzubauen, sich selbst zu finden, Probleme zu bewältigen gerade die schwarze Szene aussuchen. Scheinbar hat sie etwas heilsames, charakterstärkendes. Eigenartig, dass gerade das Düstere Halt bieten kann, wenn alles bergab geht. Warum ist das so? Ich finde deinen Weg zur Szene mal ganz anders – über eine Suchmaschine, wie Du so ehrlich schreibst, kommt sicher nicht jeder mit Gothic in Berührung. Das macht es aber umso interessanter. Auch bewusster als „Entscheidung“, die ja ihren Hintergrund hatte. Danke, dass Du es mit uns geteilt hast.

    Wie Orphi denke ich auch, dass man nicht dazugehört, wenn man viele Grufties kennt. Man kann auch der einzige Goth auf der Welt und trotzdem einer sein ;o)…das war jetzt nicht so ganz ernst gemeint. Wichtig ist einfach nur das, was „in Dir steckt“. So.
    Gute Nacht, Madame.

  5. Du beschreibst sehr schön ein Phänomen, das dieser Szene ganz besonders zu eigen ist. Wenn Menschen mit außenseitlerischen tendenzen versuchen sich kennen zu lernen, dann ist das mit eines der schwierigsten Kommunikationssitautionen. Ich wünsche Dir, dass es trotzdem immer wieder klappt.

  6. Schön geschrieben, allerdings dachte ich immer du hättest den Zugang zur Szene über deine schwarze Seele gefunden. 😉
    Es grüsst
    Das Schwesterherz

    (das auch mal wieder bloggen sollte…)

Schreibe eine Antwort zu shan_dark Antwort abbrechen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: