Dance like no one is watching

Freitag 29.5.09
Ich sitze wie immer leicht nervös in der Umkleidekabine, weil draussen eine Horde Studenten Fussball spielt und die Chance besteht, dass ich in meinen Ballettklamotten an denen vorbei muss. Ich weiss, dass sie vorher aufhören und wenn ich dann rausgehe, kein Mensch mehr auf dem Platz ist. Ich bin trotzdem nervös. Es könnte ja sein…
Ich gehe raus. Niemand. Der Betonboden ist angenehm kühl und lindert ein bisschen den Schmerz in meinem linken Fuss. Den ganzen Nachmittag verbrachte ich damit im Praktikum den Gurten runter zu spazieren; in Flip-Flops. Irgendwie mochte mein Fuss das nicht. In der Halle dehne ich mich, wobei das eigentlich eine Alibiübung ist, um der noch tanzenden Jazzklasse zu zusehen. …Wie schön sie aussehen, so frei… Die Stunde ist zu Ende, der Saal leert sich, aber noch ist niemand anderes für die Ballettstunde eingetrudelt. Schlussendlich bleibt nur noch M. übrig, die Vorstellung mit ihm als Einzige praktisch eine Privatstunde zu absolvieren, lässt mich innerlich noch etwas kleiner werden. …Der sieht immer so sauelegant aus… Tief ausatmen, aufstehen, kämpfen. Ich und M. nehmen eine der Stangen hervor, und während M. noch ein Schluck Wasser trinkt und T. in ihren Unterlagen wühlt, streichle ich zärtlich über das glatte Holz. …Vielleicht das letzte Mal…
Es ist zugegeben etwas irritierend, wenn die Lehrerin keine zwei Meter neben dir steht und dich mit Argusaugen mustert, und so schaffte ich es wieder einmal Kombinationen durcheinander zu bringen. Aber das schnelle Erfassen neuer Kombinationen ist schon lange nicht mehr so katastrophal wie zu Beginn. Irgendwann ist es wieder soweit, Sprünge und Pirouetten. Mir ist wieder etwas schlecht, wenn ich an mein linkes Bein denke. Und dieser rutschige Boden. Und meine Unfähigkeit in diesem Raum zu spotten. Zu Hause, oder bei meiner Mutter in der Küche funktioniert es manchmal, aber hier irgendwie nie. Es liegt nur daran, dass ich Angst habe, dass ich immer daran denke, wie doof ich aussehen muss und dabei vergesse ich alles zusammen zu bringen. Beine, Arme und Kopf. Noch einmal. Es klappt halbwegs. Noch einmal. Ich sitze plötzlich auf dem Boden. Mein rechter Knöchel schmerzt ziemlich. Fuss verstaucht. Ich erinnere mich: „Yes, the floor here is very slippery, but if you fall the floor is there to catch you.” Wie Recht sie hat.
Zum Ende der Stunde üben wir noch port de bras und als wir dann bei croisé derrière, bras troisième position ankommen ist es mir erlaubt in den Spiegel zu schauen und vielleicht zum ersten Mal in meinem Leben fühle ich mich anmutig. T. findet auch, dass wir beide schön aussehen.
Ich steige aus dem Zug, es ist bald zwanzig vor Elf. Barfuss, weil die Flip-Flops zu sehr schmerzen. Der Asphalt hier ist warm. Hinter der Post bei den Parkplätzen stelle ich die Einkäufe auf den Boden und rieche an den Blumen. …Wiesensalbei, Knäuelgras…ich muss noch soviel lernen…
B+ croisé,Right foot in the back; Pas de basque four times; Balancé en avant, en arrière, to the right, to the left ; Run, ; Tendu à la seconde right, arms in second; ronde de jambe to tendu derrière, close arms to low third position, plié in fourth position; pirouette en dehors, land fourth position; elevé to fifth position, arms in third allongé.
…es hat geklappt!!!…Oh, Gott hat mich etwa jemand gesehen? Was zur Hölle mache ich hier eigentlich?…